Ein guter Text ist wie eine gute Bluse: Er kleidet deine Gedanken in Worte, gibt ihnen Raum zum Atmen, aber schlägt keine Falten an der falschen Stelle. Ein guter Text sagt nicht zu viel und nicht zu wenig. Er sitzt.
In dieser Stilkolumne dreht sich alles um das Thema Wortwiederholungen. Dabei erfährst du, wie du überflüssigen Dopplungen in deinem Manuskript auf die Spur kommst, wann Synonyme deine Geschichte (nicht) besser machen und welche Wortwiederholungen du in deinem Buch keinesfalls streichen solltest.
Doppelt hält nicht besser: Lieblingswörter und Wortdopplungen
Nach über einem Jahrzehnt Erfahrungen im Lektorat kann ich sicher sagen, dass sich fast jedes Manuskript in einer Sache gleicht: Autor:innen haben Lieblingswörter. Beim einen Kinderbuch-Autor seufzen die Figuren besonders gern, im anderen Roman streicht sich die Protagonistin ständig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Und bei der dritten Autorin findet im Sachbuch oder der Autobiografie alles hier, gerade, auch, tatsächlich oder vielleicht statt. Wieder andere leiten im Ratgeber Nebensätze am liebsten mit der Konjunktion „sodass“ ein oder sind Fans von „kann“ und „können“.
Nicht jede Wiederholung schwächt einen Text. Im Gegenteil: Wiederholungen können eine Botschaft verstärken. Oder glaubst du, ich habe in den letzten beiden Sätzen zufällig zweimal das Wort Wiederholung genutzt? 😊 Nutzt du sie allerdings inflationär, wirkt der Text öde. Es gibt nichts Langweiligeres, als immer und immer und immer und immer wieder das Gleiche lesen zu müssen. Im schlimmsten Fall reißen Wortdopplungen Leser:innen sogar aus dem Text.

Je auffälliger ein Wort, desto stärker fällt seine Wiederholung ins Gewicht.
Je ungewöhnlicher oder länger das wiederholte Wort, desto weniger braucht es, um negativ aufzufallen. Schreibt ein:e Auor:in in einem Finanzratgeber mehrmals hintereinander von „Finanzdienstleistungsunternehmen“, stellt das die Geduld beim Lesen garantiert auf die Probe. Und fluchen zwei verschiedene Figuren im Roman innerhalb von 50 Seiten: „Kruzifix Sakrament“, stolpern die meisten Leser:innen darüber – insbesondere, wenn die Charakter nicht aus Bayern stammen.
Wortdopplungen im Buch in 4 Schritten bekämpfen
Um deinen Lieblingswörtern auf die Spur zu kommen, kannst du ein professionelles Lektorat in Auftrag geben. Denn das ist in der Regel die sicherste Variante, sie zu entdecken. Aber auch wenn du als Selfpublisher:in deinen Text selbst überarbeitest, gibt es erfolgreiche Strategien, um ihnen den Garaus zu machen. Diese vier Schritte helfen dir als Autor:in, so abwechslungsreich wie möglich zu schreiben:
1. Schritt: Suche die Wortwiederholungen in deinem Buch
2. Schritt: Finde heraus, ob die Wiederholung im Buch stört
3. Schritt: Wortdopplungen löschen, ersetzen, umschreiben
4. Schritt: Lerne die Charaktere in deinem Buch besser kennen
1. Schritt: Suche die Wortwiederholungen in deinem Buch
Erste Strategie
Wenn es sich um einen kürzeren Text handelt, kannst du ihn laut vorlesen oder vorlesen lassen. Denn Wiederholungen hören wir leichter, als dass wir sie sehen. Bei einem längeren Manuskript fehlt hierzu allerdings oft die Zeit oder Geduld.
Zweite Strategie
Mittlerweile gibt es technische Hilfsmittel, die dich unterstützen können, Dopplungen zu finden. Beispielsweise verfügt das Programm Papyrus Autor über eine rudimentäre Stilanalyse und im Netz gibt es weitere passende Software. Allerdings ist diese in der Regel nicht kostenlos.
Dritte Strategie
Kennst du jemanden aus deinem Bekanntenkreis oder deiner Schreibgruppe, der die Aufgabe für dich übernehmen kann? Mit einem frischen Blick auf das Manuskript fallen die Wortwiederholungen eher auf. Auch ein professionelles Lektorat prüft dein Manuskript auf diese Frage.
Kommt keine dieser Strategien für dich infrage, empfehle ich dir, deinen Text auszudrucken und das Manuskript Seite für Seite durchzugehen. Konzentriere dich dabei nur auf die Wortdopplungen, nicht auf den Spannungsbogen oder die fehlenden Kommas. Manchen Autor:innen hilft es auch, den Text rückwärtszulesen. Sieh dir dabei zum Beispiel die Kapitelanfänge und Abschnittsanfänge an. Beginnen sie immer ähnlich?
Hast du Vermutungen, welche Wörter du über Gebühr einsetzt? Perfekt, dann kannst du sie zum Beispiel in MS Word suchen und dort markieren (z. B. Start –> Ersetzen –> Suchen –> Lesehervorhebung).
2. Schritt: Finde heraus, ob die Wiederholung im Buch stört
Nicht jede Dopplung muss ersetzt werden. Ein treffender Ausdruck bleibt ein treffender Ausdruck, auch wenn er zweimal in einem Absatz eingesetzt wird. Viele Wortwiederholungen fallen Leser:innen darum gar nicht auf.
Um herauszufinden, ob die Dopplung stört, liest du den Absatz am besten laut. Fällt sie dir auf? Und falls ja, trägt sie dazu bei, die Botschaft deines Textes zu stärken, oder wirkt sie redundant? Ihre Wirkung entscheidet darüber, ob du nach einer Alternative suchen solltest. Denn Autor:innen können Wiederholungen zum Beispiel einsetzen, um eine Klimax (Steigerung der Intensität) deutlicher zu machen. Sieh dir dazu das folgende Beispiel an:
| Keine Wortwiederholungen | Wortwiederholungen als Stilmittel |
| Niemand half ihm. Kein Mensch interessierte sich für ihn. Keiner der anderen nahm ihn auch nur wahr. | Niemand half ihm. Niemand interessierte sich für ihn. Niemand nahm ihn auch nur wahr. |
Dein Lektorat
Steckst du in deinem Manuskript fest oder möchtest du deinen Text auf Hochglanz polieren lassen? Dann lerne mich näher kennen oder kontaktiere mich direkt für ein kostenloses Probelektorat!
3. Schritt: Wortdopplungen löschen, ersetzen, umschreiben
Juhu, du hast deine Lieblingswörter gefunden! Aber was machst du jetzt damit? Wenn dein Lieblingswort in die Kategorie Füllwort fällt, wie „halt“, „wirklich“, „eigentlich“, lautet die Antwort: löschen. In MS Word kannst du dafür zum Beispiel die Funktion Suchen und Ersetzen nutzen (Start –> Ersetzen).
Wenn das nicht funktioniert, suchst du nach einem Synonym. Doch auch das klingt oft einfacher, als es in der Praxis ist. Wenn eine Frau nur deshalb zur Dame wird, weil du eine Wortwiederholung vermeiden möchtest, macht das dein Manuskript nicht besser, sondern inhaltlich unpräzise.
Vorsicht: Nicht jedes Synonym eignet sich für jede Textstelle!
Ein geeignetes Synonym muss drei Voraussetzungen erfüllen. Es muss
- inhaltlich treffen
- zu deinem Stil passen
- gebräuchlich sein
Achte auch darauf, Synonyme nicht inflationär zu gebrauchen. Wenn eine Sitzgelegenheit erst als Stuhl, dann als Hocker, Schemel und schließlich als Sitzmöbel bezeichnet wird, verwirrt das deine Leser:innen und fügt im schlimmsten Fall einem ernsten Manuskript einen humoristischen Unterton hinzu. Wirkt die Verwendung eines Synonyms künstlich, solltest du die dritte Option wählen: die Sätze in deinem Manuskript umstellen.
In der Tabelle siehst du die drei genannten Strategien in der Praxis, um mit störenden Wortwiederholungen umzugehen:
| Störende Wortwiederholungen | Erfolgreiches Lektorat |
| Eigentlich ist es ganz einfach: Mein Leben hielt eigentlich schon immer einen Looping nach dem anderen für mich bereit. Warum hatte ich eigentlich gedacht, dass sich das ausgerechnet mit 60 Jahren ändern sollte? | Löschen: Eigentlich ist es ganz einfach: Mein Leben hielt schon immer einen Looping nach dem anderen für mich bereit. Warum hatte ich gedacht, dass sich das ausgerechnet mit 60 Jahren ändern sollte? |
| Kinder sind neugierig. Kinder erkunden die Welt und lernen andere Kinder in ihrem Alter kennen. Kleinstkinder profitieren aber besonders von einer starken Beziehung zu ihren Eltern. | Ersetzen: Kinder sind neugierig. Sie erkunden die Welt und lernen Gleichaltrige kennen. Die Jüngsten profitieren aber besonders von einer starken Beziehung zu ihren Eltern. |
| Lina wusste nicht, was sie noch machen sollte. Sollte sie etwa der ganzen Welt helfen? Sollten die anderen doch sehen, wo sie blieben. | Umschreiben: Lina wusste nicht mehr weiter. Sollten die anderen doch sehen, wo sie blieben. Schließlich konnte sie nicht der ganzen Welt helfen. |
4. Schritt: Lerne die Charaktere in deinem Buch besser kennen
Schreibst du einen Roman oder ein Kinderbuch, hängen ungewollte Wortwiederholungen oft damit zusammen, dass du deine Charaktere nicht gut genug kennst. Charaktere sind der Schlüssel für jede Geschichte. Spätestens wenn sich in deinem Liebesroman die Verliebten immer wieder hinterm Ohr kratzen oder entgegengesetzte Charaktere im Jugendbuch dieselben Schimpfwörter nutzen, wird es Zeit, dich näher mit ihnen auseinanderzusetzen.
Denn wie du als Autor:in oder Selfpublisher:in deinen eigenen Stil hast, sollte auch jede Figur in deiner Geschichte eine charakteristische Sprache, Gesten und Angwohnheiten haben. Diese ergeben sich aus ihrem sozialen Background, ihrem Aussehen, ihren Gefühlen und aus ihren Eigenschaften. Eine schüchterne Person wird eher Nägel kauen als ein Klassenclown. Ein Mädchen mit einer Lockenmähne bläst sich öfter die Haare aus dem Gesicht als eine strenge Lehrerin mit Kurzhaarfrisur. Und wenn ein brummiger Brummbär im Buch plötzlich zu stottern anfängt und seine Nase rot anläuft, weil er auf eine Bärendame trifft, entlockt das Kindern eher ein Kichern, als wenn das einer unsicheren Maus passiert.
Um deine Charaktere authentisch zu gestalten und ihre Unterschiede hervorzuheben, empfiehlt es sich, bereits vor dem Plotten einen Charakterbogen mit den wichtigsten Merkmalen und Angewohnheiten zu erstellen. So verlierst du nicht den Überblick und kannst ihn während des Schreibens ergänzen.
Ein kurzer Charakterbogen, der die sprachlichen Besonderheiten aus den Figuren selbst ableitet, kann zum Beispiel so aussehen:
Möchtest du die Tabelle für deinen Roman nutzen? Hier kannst du sie als Word-Dokument herunterladen:
Schreibtipp gegen Wortdopplungen: Lesen, lesen, lesen!
Im aktuellen Duden stehen rund 151.000 Stichwörter, der gesamte Korpus des Deutschen ist aber noch viel größer. Da wäre es doch gelacht, wenn Autor:innen in ihren Büchern auf lästige Wiederholungen zurückgreifen müssten, oder?
Zum Schluss kommt deshalb mein liebster Schreibtipp gegen Wortdopplungen: Gegen hartnäckige Lieblingswörter kann ein Gang in die nächste Buchhandlung helfen. Dort findest du unendlich viele Wortschätze, die dein Wortkarussell in Schwung bringen. Verwertest du genug davon in deinem Buch, fallen sie beim Lesen garantiert nicht negativ auf. Viel Spaß beim Entdecken!